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Illustration: © Catherine Meurisse

Liebe Leserinnen und Leser,

ich sitze in meiner Wohnung und lausche. Diese Stille! Nur Möwen sind zu hören, was in Paris nicht unüblich ist, jetzt aber sind es viel mehr. Im Hinterhof sind fast alle Fenster dunkel. Bis auf einen alten Mann, der zwischen seinen Gardinen ab und zu auftaucht, scheinen meine Nachbarn alle verschwunden zu sein. Die Stadt fühlt sich wie ein Wrack an, verlassen und vergessen. Unangenehm ist diese Ruhe nicht.

Zum ersten Mal kann ich die leere Champs-Élysées in aller Ruhe entlangspazieren – ohne Autos und Lärm. Das confinement hat die normale Hektik so effizient gedämpft, wie es kein Klimaaktivist sich hätte erträumen können. Einzige Absurdität aus der alten Konsumwelt: Bildschirme zeigen einen gelangweilten Will Smith in einer teuren Daunenjacke, die niemand kaufen wird.

Seit dem Anfang der Quarantäne hat Paris ein Viertel seiner Bevölkerung verloren. Nicht nur die Touristen bleiben aus, sondern auch die privilegierten Einwohner, die Zuflucht in ihrem Ferienhaus auf dem Land gesucht haben. So enthüllt sich in der Corona-Krise die schlichte Wahrheit: In Paris wohnt derzeit niemand aus freiem Willen. Wer hier geblieben ist, hat einen schlechten Job. Oder zumindest nicht genug Geld für eine Sommerresidenz.

Unsere Städte sind „wie diese monumentalen Passagierdampfer, die im Hafen Palermos liegen“, schreibt der Psychogeograf und Gentrifizierungsbeobachter Iain Sinclair in „The Last London: True Fictions from an Unreal City“ (2017). Er vergleicht uns Metropoleneinwohner mit Kreuzfahrttouristen, die ein ewiges „Leben auf See“ genießen: Wir sind heimatlose Konsumenten, die Attraktionen besuchen. Bedient werden wir von „Leibeigenen“, die von diesen schwebenden Städten ausgeschlossen bleiben.

Auf unserem Pariser Dampfer laufen tatsächlich nur noch Matrosen rum: Amazonlieferanten, Kassierer und Uber-Fahrer, die in den Außenbezirken wohnen und täglich an Bord kommen müssen, damit wir weiter gefüttert werden. Wir Städter sind wie diese Rentner, die ihr Kreuzfahrtschiff seit dem Anfang der Pandemie nicht mehr verlassen dürfen: in unserer Muße erstarrt. Aus diesem dystopischen Alptraum konnten nur die wenigen raus, die sich einen Zweitwohnsitz als Rettungsanker gesichert hatten. Im Grunde sind die Reichen nur Passagiere.

In unserem heutigen Newsletter blickt Hartmut Rosa indes aus einer ganz anderen, optimistischeren Perspektive auf die Corona-Krise. Er behauptet, dass diese einen gesellschaftlichen „Pfadwechsel“ in den Bereich des Möglichen rückt.

Unseren Newsletter und die Denkanstöße zur Corona-Krise stellen wir Ihnen gerne kostenlos zur Verfügung. Wir freuen uns jedoch über Ihre Unterstützung durch ein Probeabo oder auf anderem Wege.

Alles Gute!

Anne-Sophie Moreau
(Herausgeberin)

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Denkanstoß von Hartmut Rosa 

Chance der Neugeburt

Die Zukunft hängt von unserem Handeln ab. Der Soziologe Hartmut Rosa deutet die Corona-Krise mit Hannah Arendts Begriff der Natalität.

Foto: Jason Leung (Unsplash)

Zum Text

 Netzlese 

 Im Interview mit der Frankfurter Rundschau spricht der Soziologe Armin Nassehi über die neue Sichtbarkeit staatlicher Macht, warum die Problemlösungsstrategie der Pandemie nicht einfach auf den Klimawandel übertragbar ist und weshalb wir gerade einen soziologischen Großversuch erleben. 

Im Tagesspiegel erinnert die Historikerin Ulrike von Hirschhausen daran, wie der Ausbruch der Cholera-Pandemie 1831 eine frühe Form der europäischen Solidarität erzeugte, die medizinisch zwar scheiterte, politisch jedoch erstmals eine „Diplomatie der Völker“ stiftete.

 Zum Innehalten 

Eine Maske verrät uns mehr als ein Gesicht

 — Oscar Wilde, Feder, Pinsel und Gift (1889)

 Und abseits von Corona? 

Warum sollten Philosophen die Bibel lesen?

Was macht die Bibel für Philosophen interessant? Was kann uns ein mehrere tausend Jahre alter Text noch für die Gegenwart lehren? Susan Neiman ist überzeugt: Das Alte Testament ist nicht nur für das Verständnis unserer Kulturgeschichte wichtig, sondern wirft auch fundamentale ethische Fragen auf.

Bild : © CC-by-SA 3.0 Antoine Taveneaux

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