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Illustration: © Catherine Meurisse

Liebe Leserinnen und Leser,

seit Beginn der Corona-Pandemie hält sich eine Vorstellung hartnäckig: Das Virus sei ein großer sozialer Gleichmacher. Schließlich kann er potentiell in jeden Körper eindringen, macht keinen Unterschied zwischen arm und reich, zwischen Managerin und Bauarbeiter. Und es ist ja insofern auch eine „verführerische“ Vorstellung, als dass ihr implizit ein Aufruf zur Solidarität innewohnt. Nach dem Motto: „Wir sitzen alle im selben Boot!“, lasst uns also alle einander helfen. Allein: Man konnte sehr schnell merken, dass diese Annahme der viralen Gleichmacherei rein virologisch zwar stimmen mag, gesellschaftlich aber eben nicht. Während wohlhabendere Menschen im Homeoffice arbeiten können und ein eigenes Auto haben, müssen weniger Begüterte weiterhin mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit in den Supermarkt oder in die Fabrik fahren (vgl. auch den Denkanstoß von Oliver Nachtwey). 

Und je länger die Corona-Krise dauert, umso deutlicher bestätigt sich: Das Virus verstärkt vorhandene Ungleichheiten. So erleben viele Frauen gerade einen fatalen Schub der Retraditionalisierung von Geschlechterrollen, weil die zusätzliche Care-Arbeit durch Homeschooling und Co. vor allem an ihnen hängen bleibt. Und aus medizinischer Sicht, konstatierte Cihan Çelik, Funktionsoberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Patienten im Klinikum Darmstadt, jüngst im Gespräch mit der FAZ, dass nach nun zwei Monaten Behandlungserfahrung sehr klar wird, dass es „eine sehr starke soziale Komponente bei dieser Krankheit gibt“. So könne etwa Fettleibigkeit zu einem schweren Verlauf führen, die statistisch gesehen wiederum in ärmeren Schichten ein größeres Problem darstellt. Ebenso zeige sich, dass ärmere Menschen weniger gut an Ärzte angebunden sind oder Migranten ihre Beschwerden teilweise nicht gut auf Deutsch schildern könnten.

Nun muss das dem Solidaritätseffekt indes keinen Abbruch tun. Im Gegenteil: Denn im Kern bedeutet Solidarität ja eben nicht, dass man lediglich auf jene Rücksicht nimmt und ihnen Unterstützung zukommen lässt, die einem möglichst ähnlich sind, sondern vielmehr sind es die existierenden Ungleichheiten, die die Solidarität nötig machen. 

Wobei man sich in diesem Zusammenhang leider auch keine Illusionen machen muss: Es gibt viele Menschen, die Solidarität verweigern und einer Art Recht des vermeintlich Stärkeren anhängen. In seiner radikalen Variante sieht man das bei manchen Teilnehmern der sogenannten „Hygiene-Demos“, en passant zeigt es sich aber auch im pandemischen Alltag. Bei Leuten etwa, die sich ostentativ weigern, Abstand zu halten, Masken zu tragen oder Rücksicht auf andere zu nehmen. 

In unserem heutigen Denkanstoß beschäftigt sich der Philosoph Philipp Hübl mit eben diesen Menschen und erklärtwarum es sich dabei – zunehmend auch durch Studien dokumentiert – vorwiegend um eine bestimmte Gruppe handelt: Männer.

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Alles Gute!

Ihr Nils Markwardt
(Leitender Redakteur)

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Denkanstoß von Philipp Hübl 

Maskuliner Trotz

In dem Medien sind es vor allem Männer, die eine Lockerung des Lockdowns fordern. Das ist kein Zufall. 

Foto: Lindsey LaMont (Unsplash)

Zum Text

 Netzlese 

• In der NZZ erklärt der italienische Philosoph Roberto Esposito, warum der Begriff der Biopolitik aktueller denn je ist und weshalb die „Einrichtung des Lebens“ zu einer der zentralen Fragen der Moderne avancierte.

Im Interview mit der taz spricht der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar über die Gründe für die Anfälligkeit gegenüber Verschwörungstheorien, die Rolle psychologischer Gewöhnungseffekte sowie den Vorsprung, den südostasiatische Länder im Umgang mit der Pandemie haben.

 Zum Innehalten 

Für Menschen von freiem, ungezwungenen, souveränem und legerem Wesen jedoch, für jene, die die Freiheit als Privileg von der Unfreiheit beziehen, hat die Sprache einen guten Namen bereit: den des Unverschämten.

 —Theodor W. Adorno, Minima Moralia (1951)

 Und abseits von Corona? 

Die gestohlene Geschichte

Philosophinnen unterliegen in der Geschichte einem doppelten Ausschluss: zu Lebzeiten meist marginalisiert, werden sie überdies von der Philosophiegeschichte und deren Kanonbildung oft verdrängt und vergessen. Trotzdem gibt es in allen Epochen erstaunlich viele philosophische Werke von Frauen. Ruth Hagengruber macht im Gespräch deutlich, was uns entgeht, wenn wir diese ignorieren.

Illustration: © Studio Nippholdt

Zum Interview
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