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Illustration: © Catherine Meurisse

Liebe Leserinnen und Leser,

am dreizehnten März hatte unser Sohn Geburtstag. Er ist fünf Jahre alt geworden. Der dreizehnte März, das war auch der Tag, an dem er zum letzten Mal seine Freunde gesehen hat. Dann kam der Lockdown. Seither ist seine Kita nur für Notfälle und solche Kinder geöffnet, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten. Unser Sohn vermisst seine Freunde schmerzlich. Fast auf den Tag genau zwei Monate hat er sie nicht gesehen. Mein Mann und ich und auch seine sieben Jahre ältere Schwester sind kein wirklicher Ersatz für kleine Menschen, mit denen gemeinsam er sich in einer Dinosaurier-Schlacht oder im Playmobil-Spiel verlieren kann. 

Kinder, die auf soziale Kontakte angewiesen sind – und zwar existenziell – sind dazu verurteilt, zuhause zu bleiben. Der Fußball-Bundesliga dagegen wurde inzwischen erlaubt, den Betrieb, wenn auch vor Geisterpublikum, wieder aufzunehmen. Erwachsene Männer dürfen miteinander spielen. Kinder nicht. Der Grund liegt auf der Hand. Er ist rein wirtschaftlicher, profitorientierter Natur – weshalb die Bundesliga-Spieler, im strengen, philosophischen Sinne, eigentlich auch gar nicht spielen. Im Spiel nämlich agiert der Mensch zweckfrei, geht auf in seinem Tun, jenseits jeder instrumentellen Vernunft. „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, so lautet Friedrich Schillers berühmter Satz aus „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Diese Erziehung wird unseren Kindern derzeit vorenthalten. Woran sich die sträfliche Kurzsichtigkeit der verantwortlichen politischen Akteurinnen und Akteure zeigt: Anstatt kreative Lösungen für die Kindertagesstätten zu erarbeiten, gefährden sie sehenden Auges die Entwicklung unserer Kinder– und verspielen so unsere Zukunft. Oder sollte man besser sagen: verzocken? 

In unserem heutigen Newsletter bieten wir Ihnen zwei Denkanstöße: Im Interview spricht der im südafrikanischen Johannesburg lehrende Philosoph Achill Mbembe über die Corona-Maßnahmen in seinem Land und die rassistischen Reflexe, die diese Krise auslöst. Und meine Kollegin Theresa Schouwink macht uns auf eine erhellende Strukturähnlichkeit zwischen der Corona-Krise und einer psychischen Depression aufmerksam.

Unseren Newsletter und die Denkanstöße zur Corona-Krise stellen wir Ihnen gerne kostenlos zur Verfügung. Wir freuen uns jedoch über Ihre Unterstützung durch ein Probeabo oder auf anderem Wege.

Bleiben Sie widerspenstig!

Ihre Svenja Flaßpöhler
(Chefredakteurin)

Newsletter regelmäßig lesen

Interview mit Achille Mbembe 

Wir brauchen eine Politik des Lebendigen

Die Corona-Krise bringt auch rassistische Reflexe zum Vorschein. Mal werden „die Chinesen“ stigmatisiert, mal der vermeintlich ansteckende „Andere“. Für den Philosophen Achille Mbembe sollte die Pandemie uns stattdessen dazu anregen, unsere Identität zu hinterfragen.

Foto: Tim Goedhart (Unsplash)

Zum Interview

Denkanstoß von Theresa Schouwink 

Das Entgleiten der Welt

Weltweit leiden Menschen psychisch unter der Corona-Krise. Kein Wunder: Die Situation gleicht strukturell einer Depression.

Foto: Alec Favale (Unsplash)

Zum Text

 Netzlese 

• Bei Zeit Online argumentiert Michael Ebmeyer, warum man aus den Schriften des russischen Anarchisten und Gesellschaftstheoretikers Pjotr Kropotkin Lehren für die Corona-Krise ziehen kann. Diese zeigten nämlich ein äußerst aktuelles Verständnis von Gemeinwohl.

 Im Interview mit der Frankfurter Rundschau spricht der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel über die Abwägung gesundheitlicher und ökonomischer Folgen der Pandemie, den Unterschied von Individual- und Kollektivethik sowie die harten Verteilungskämpfe, die er gesellschaftlich aufziehen sieht.

 Zum Innehalten 

Habe mir gestern die Haare schneiden lassen, und schon das kommt mir wie ein Zeichen meiner Wiedergeburt vor

 — Leo Tolstoi: Tagebücher Erster Band 1847-1884, Eintrag zum 28.05.1859

 Und abseits von Corona? 

Sunzi und das strategische Denken

In „Die Kunst des Krieges“, einem mehr als tausend Jahre alten Meisterwerk, beschreibt Sunzi Kriegslisten, mit denen sich ein Feind bezwingen lässt. Doch auch im Alltag vermag die Schrift zu lehren, wie man sich beim nächsten Kräftemessen die Weisheit der chinesischen Strategie zunutze macht.


Illustration: Emmanuel Polanco; Bildvorlage: picture-alliance

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