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Deine Dosis Muckefuck am 04. Januar 2021:
  • Datenreport zeigt Vielfalt, aber auch Ungleichheit in Berlin
  • Parteien bereiten sich auf Superwahljahr vor
  • neue Praxis für Transpersonen in Neukölln
  • Corona-Party von AfD-Politikerin hat ein Nachspiel
  • Justizsenator: Lehrerinnen sollen Kopftuch tragen dürfen

Mascha Malburg, Redaktion
Guten Morgen,
Berlin ist bunt. Das vermeintliche Klischee lässt sich in Zahlen belegen: Im Gegensatz zum Rest von Deutschland sind die Menschen hier jünger, internationaler und leben in vielfältigeren Familienformen – das zeigt unter anderem der neueste Gender-Datenreport der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung.

Was er aber auch zeigt: Die wachsende Vielfalt der Hauptstadt spiegelt sich nicht in den Machtpositionen: So schaffen mittlerweile mehr Frauen als Männer die höchsten Abschlüsse an den Unis – gelangen anschließend aber nur selten auf Spitzenposten. Ein Beispiel: Im ärztlichen Bereich des Gesundheitswesens arbeiten inzwischen 52 Prozent Frauen, in den Chefetagen der Berliner Kliniken regieren aber weiterhin die Oberärzte mit knapp 80 Prozent.
 
Weniger verdienen tun die Berliner Frauen auch: Ihr Monatslohn lag 2019 um 18,8 Prozent unter dem der Männer. Das liegt übrigens nicht nur daran, dass die Berlinerinnen keine gut bezahlten Jobs ergattern: Selbst für die gleiche Arbeit gab’s in den vergangenen Jahren weniger Kohle, besonders, wenn Frauen freiberuflich wissenschaftliche und technische Dienstleistungen anboten, wie zum Beispiel Steuer- oder Rechtsberatungen, wo sie ein Viertel weniger verdienten als ihre männlichen Kollegen.
 
Aber nicht nur im Job zeigt sich eine krasse Diskrepanz zwischen der dynamischen Vielfalt der Stadt und den starren Institutionen, die sie bestimmen: Deutlich mehr Frauen als Männer strömten 2016 in die Wahllokale – um dann einen von ziemlich vielen Männernamen anzukreuzen. Im Berliner Abgeordnetenhaus herrscht immer noch keine Parität. Das könnte sich 2021 allerdings ändern: Ende September entscheiden die Berliner*innen nicht nur über die Verteilung in ihrem Abgeordnetenhaus, sondern wählen auch den großen Bundestag und die kleinen Bezirksverordnetenversammlungen – und dürfen mit etwas Glück sogar über die Enteignung der größten Wohnungskonzerne der Stadt abstimmen, sollte es zu einem landesweiten Volksentscheid über das Volksbegehren »Deutsche Wohnen & Co enteignen« kommen.
 
Apropos Wohnen, auch in den Lebensgemeinschaften der Stadt zeigt sich laut dem Genderreport der Senatsverwaltung eine immer größere Vielfalt: In den letzten Jahren werden in der Stadt wieder mehr Kinder geboren, doch nur die Hälfte von ihnen wächst im traditionellen Vater-Mutter-Standesamt-Stereotyp auf. Unverheiratete Eltern, Queere Familien, WGs mit Kindern und Alleinerziehende sind in Berlin völlig normal.

Martin Viehweger* und Elena Rodriguez vor ihrer Arztpraxis.

Doch auch im Gesundheitssystem ist diese Normalität noch nicht angekommen: So gibt es beispielsweise in Berlin zu wenig Praxen, die eine sensible Behandlung von Transpersonen anbieten. Unsere Autorin Isabella Caldart hat zwei Ärzt*innen in Neukölln besucht, die seit Oktober auf ihrer Webseite offen angeben, Menschen bei der hormonellen Transition zu begleiten – und trotz Corona zahlreiche Anfragen erhalten haben. Kein Wunder: Doktor Martin Viehweger* ist selbst queerer Aktivist, seine Kollegin Elena Rodriguez und er informieren fachkundig auf drei Sprachen. Alle Mitarbeiter*innen der Praxis bemühen sich, die Patient*innen mit dem gewünschten Pronomen anzusprechen.
 
In der »Viro-Praxis« in Neukölln ist Berlin bunt, ganz selbstverständlich und ohne Klischees – viele anderen Institutionen müssen das noch lernen.

Es grüßt euch aus dem verschneiten Hauptstadtressort,
Mascha Malburg

Was sonst noch wichtig ist:

Hoffnung für Lehrerinnen mit Kopftuch

Das Land Berlin strebt in diesem Jahr eine Novellierung des Neutralitätsgesetzes an. Das Tragen religiöser Kleidung an Schulen soll demnach erlaubt werden, sagte Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne). Der Berliner Senat sollte noch in dieser Legislaturperiode, also bis zum September, einen entsprechenden Gesetzentwurf ins Parlament einbringen. Ob neben den Schulen auch noch andere Bereiche wie die Polizei oder die Justiz in Blick genommen werden, bleibt erstmal offen.

Corona-Party von AfD-Politikerin hat ein Nachspiel

Falls ihr es während euren eigenen Feierlichkeiten verpasst habt: Kurz nach Weihnachten schmiss die Cottbuser AfD-Stadtverordnete eine Virensause mit neun Personen, auch der AfD-Landtagsabgeordnete von Lützow war dabei. Als die Polizei wegen lauten Feuerwerks eintraf, soll ein betrunkener Partygast einen Beamten zu Boden gerungen und gewürgt haben. Auf Antrag der Brandenburger Linken wird sich der Innenausschuss des Landtags nun mit den Ereignissen in Cottbus befassen.
Aufgemuckt:
Und später:
Frauen lesen!

Unsere Redakteurin Regina Stötzel hat 2020 ein Experiment gewagt: Ein Jahr lang hat sie nur Bücher von Frauen gelesen. Vielleicht ist ihr folgendes Best-of ja eine Inspiration für eure Abendlektüre? Buchläden haben in Berlin ja weiterhin offen...

Das beste wiedergelesene Buch:
Agota Kristof, »Die dritte Lüge«
Die beste Unterhaltung:
Isabel Bogdan, »Der Pfau«
Die beste Neuerscheinung:
Mely Kiyak, »Frausein«

 

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Video der Woche:
Unsere Kolleg*innen von Supernova waren 2020 bei zahlreichen antifaschistischen und antirassistischen Aktionen mit der Kamera dabei. Ihr Jahresrückblick macht in einer Minute Gänsehaut - und Mut, auch 2021 weiter zu kämpfen.
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