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ESSAY


Zombie-Apokalypse oder Kraftakt der Vergebung?


von

Maike Plath


Am 3. Oktober 2016, dem Tag der deutschen Einheit, war ich in Dresden zum Festgottesdienst in der Frauenkirche und anschließend zum Festakt in der Semperoper eingeladen. Wie alle anderen Gäste konnte ich den Eingang zur Frauenkirche nur durch ein Hassspalier erreichen: Hunderte aufgebrachte Menschen beschimpften mich auf seltsam persönliche Weise mit «Du Fotze», «Hau ab!», «Volksverräterin!», usw.
 
Zuerst dachte ich: Ein solcher Hass ist mir bislang in meinem Leben noch nicht entgegengeschlagen. Später erinnerte ich mich: Doch — das erlebe ich in diesem Jahr schon zum zweiten Mal — diesen seltsam unerbittlichen Hass. Doch dazu komme ich später.
 
Endlich in der Frauenkirche angekommen, bemerke ich, dass ich Herzrasen und zitternde Beine habe — für einen Moment fühlt es sich so an, als müsste ich in Tränen ausbrechen.
 

Dieser direkte und ungebremste Hass hat etwas Schockierendes.

 
Wo kommt das her? Und was hat das zu bedeuten? Wie kann und soll man auf eine solche Erfahrung reagieren?
 
Statt einfach nur «zurück zu hassen», bzw. selbst aggressiv zu werden, was am einfachsten, aber auch am traurigsten wäre — möchte ich versuchen, dieses Thema von einer anderen Seite her zu beleuchten. Wie fängt das an, dass man so hasst?
 
In Game of Thrones zählt Arya Stark jeden Abend zum Einschlafen die Namen der Menschen auf, an denen sie sich rächen, die sie töten will. Ein harmloses Gedankenspiel: Du bist Arya Stark. Welche Personen würdest du abends vor dem Einschlafen aufzählen? Gibt es Menschen, die dir mal eine Demütigung zugefügt haben, die du bis heute nicht vergessen hast? Und denen du nicht gerade das Beste wünschst...? Ist es nur eine Person? Oder kommt da eine kleine Liste zusammen wie bei Arya Stark?
 
Wenn dir bei diesem Gedankenspiel niemand in den Kopf kommt, gibt es nur drei mögliche Erklärungen:
1. Entweder du bist in der unfassbar glücklichen und privilegierten Lage, noch nie gedemütigt worden zu sein — was ein kleines Wunder wäre und dich zu einem hoffnungsvollen Kandidaten für den Weltfrieden macht.
2. Oder du hast demütigende Erlebnisse in deinem Leben komplett verdrängt.
3. Oder — und diese Variante interessiert mich am meisten — du hast erlittene Demütigungen auf konstruktive Weise überwunden und den Personen, die auf deiner Arya-Liste stehen, vergeben. Dann bist du eine noch hoffnungsvollere Kandidatin für den Weltfrieden als in Variante 1.
 
Vergebung ist ein «Konzept», das wir aus dem Neuen Testament kennen. Aus der Bibel also. (Ich bitte alle Menschen, die jetzt denken «Jetzt-kommt-sie-mit-der-christlichen-Abendland-Keule!» tapfer zu sein und dran zu bleiben. Wenn ich ein anderes Wort für Vergebung hätte, würde ich es nehmen. Es geht mir hier um den Sinn hinter dem Wort, auch wenn es manchen von euch vielleicht zu pathetisch ist, zu pädagogisch, zu abgehoben, zu religiös erscheint.)
 
Aber was wäre, wenn wir «das Konzept Vergebung» hier noch mal neu versuchen zu betrachten, heraus gelöst aus dem vielleicht belasteten Kontext und einfach als ein rein pragmatisches Konzept, das nicht nur denen nutzen könnte, denen vergeben wird, sondern vor allem denjenigen, die selbst vergeben können? Ein Versuch ist es wert. 
 
Vergebung, das weiß jeder, der es mal versucht hat, ist einfach, wenn es nichts zu vergeben gibt - aber nahezu unmöglich, wenn es wirklich Sinn machen würde, nämlich dann, wenn mir etwas widerfahren ist, das ich als so verletzend und demütigend empfinde, dass ich selbst es für unverzeihlich halte. Dann aber fängt Vergebung überhaupt erst an: Wenn mir Rache eigentlich viel lieber wäre, — nämlich «süßer» erscheint.
 
Vergebung, das wird schnell klar, ist vielleicht das Komplexeste und Herausforderndste, was ein Mensch leisten kann. Und auch das Erstaunlichste. Vergebung erfordert eine ungeheure persönliche Größe und es hat etwas mit geben zu tun. (Es hat nichts mit Sanftheit, Kompromiss oder Schwäche zu tun — es fühlt sich eher wie ein brachialer Kraftakt an — und wenn er nach hartem inneren Kampf gegen die große Wut am Ende gelingt, kann es sein, dass uns nach «Alleine-im-Bett-liegen-und-heulen» ist. Und erst dann wird es gut). 
 
Vergebung ist erstmal die Hölle. Das macht Vergebung als Lösungsvorschlag so wahnsinnig unrealistisch.
 

Aber was wäre, wenn Vergebung am Ende die einzige Lösung ist, die wir noch haben?

 
Denn die Lage spitzt sich zu — zumindest gefühlt. Winter is coming. Das immer mehr um sich greifende unerbittliche Einfordern von Anerkennung für erlittene Kränkungen und die sich steigernde "Opferkonkurrenz" fängt an, jegliches menschliche Miteinander schon im Keim zu vergiften.
 
«Ein Russe, ein Araber, ein Vegetarier, eine Deutsche und eine Türkin sitzen in der Bahn. Wer ist beleidigt? Antwort: alle. Der Russe ist beleidigt, weil die Deutschen die Ukraine unterstützen. Der Araber ist beleidigt, weil er sich als islamistischer Terrorist verdächtigt fühlt. Der Vegetarier ist beleidigt, weil der Russe vor seinen Augen in eine Fleischwurst beißt. Der Araber ist ein zweites Mal beleidigt, weil es sich um Schweinefleisch handelt. Die deutsche Frau ist beleidigt, weil die Türkin mit ihrem Kopftuch ein Bild unterdrückter Weiblichkeit abgibt. Die Türkin ist beleidigt, weil sie fürchtet, auf ihr Kopftuch reduziert zu werden. Der Araber ist ein drittes Mal beleidigt, weil er argwöhnt, für das Kopftuch verantwortlich gemacht zu werden. Die Deutsche ist am Ende die Beleidigtste von allen, weil sie sich immer unwohler fühlt unter den lauernden Männer- und missbilligenden Frauenblicken. Sie empfindet sich als Fremde im eigenen Land: Wahrscheinlich wird sie in Kürze AfD wählen.
Es fällt schwer, heute nicht beleidigt zu sein. Ein Sturm der Kränkungsgefühle tobt durch die Welt. Überall lauert ein tatsächlicher oder nur eingebildeter Affront. Jeder missbilligt jeden für seine Ideale oder seine Lebensform und alle gemeinsam sehen in der ausgesprochenen oder unausgesprochenen Missbilligung einen Angriff auf ihre Ehre und ihr Selbstverständnis.»

(DIE ZEIT Nr. 42, 06. Oktober 2016, Jens Jessen)
 
 

Wo hat all dieses Gekränktsein, all dieser Hass seinen Ursprung?
 Ich denke, am Anfang allen Übels steht die Demütigung.

 
Demütigung kann auf einer weiten Skala von sehr leicht bis fatal verschiedenste Intensitäten und Facetten annehmen. Wie stark destruktiv eine erlittene Demütigung im Einzelnen sich auswirkt, steht wiederum in direkter Korrelation mit dem inneren Selbstwert:
 
Ein Mensch, der bisher relativ privilegiert und gut durchs Leben gekommen ist, konnte vielleicht ein recht intaktes Selbstwertgefühl entwickeln und kann daher Demütigungen relativ konstruktiv kompensieren und sich davon distanzieren. Allerdings wird langfristig auch sein Selbstwertgefühl mit der Häufigkeit von erlebten Demütigungen langsam schwinden. Dann wird es gefährlich. Denn ein Mensch mit geringem Selbstwert kann Demütigungen nur noch schwer, wenn überhaupt kompensieren und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er in Richtung Aggression, Bitterkeit, und letztendlich Hass tendieren.
 
Sich selbst lieben zu können (einen hohen Selbstwert zu besitzen) ist ein Privileg — aber auch harte Arbeit an sich selbst. Denn kein Mensch auf dieser Welt kommt völlig ungeschoren durchs Leben. Wir alle müssen mit Unrecht und Demütigungen klar kommen. Es gibt kein verletzungsfreies Leben. Ungerecht ist und bleibt, wieviel oder wie wenig Demütigungen der eine oder der andere Mensch erlebt. Und dabei ist an Auslösern für Demütigung noch zu unterscheiden zwischen Schicksal und menschen-gemachtem Unrecht wie Diskriminierung, Rassismus, Gewalt.
 

Auf einer gedachten Skala der Demütigungs-Schwere würde ich zur groben Orientierung drei Phasen unterscheiden:

 
Im ersten Drittel
Die leichte Demütigung:
Menschen, die wir nicht kennen (leichter), oder Menschen, deren Urteil uns wichtig ist (schwerer), kritisieren, was wir sagen, was wir darstellen, tun oder wie wir aussehen. Nebenwirkung: Leichte innere Verletzung und Wahrscheinlichkeit von kompensierenden Selbstgesprächen (was man alles hätte sagen oder tun sollen, es leider aber nicht gesagt oder getan hat), Kompensation gelingt relativ schnell durch Ablenkung, Erholung, Sport, Anerkennung von und Nähe mit nahestehenden Menschen
 
Im zweiten Drittel der Skala
Die schwere Demütigung:
Wir werden als Mensch, also im Ganzen als Persönlichkeit in Frage gestellt, weil ein Mensch, der uns nahe steht, sich von uns trennt oder uns auf andere Weise enttäuscht (Verlusterfahrung).
Oder/Und: Die eigene, über einen langen Zeitraum geleistete und als identitätsstiftend empfundene Arbeit wird von einer oder mehreren höher gestellten Personen oder von Personen, deren persönliches Urteil für uns von Bedeutung ist, für Null und Nichtig oder für komplett überflüssig erklärt.
Kompensation gelingt über einen längeren Zeitraum durch Wiederherstellen von Anerkennung der eigenen Person und der eigenen Fähigkeiten durch nahestehende Menschen, durch Ablenkung, Erholung, Therapie, Meditation und eigener aktiver Arbeit am inneren Selbstwert.
 
Im letzten Drittel der Skala
Das Kippen in den Hass:
Die eigene Person/Persönlichkeit wird über einen langen Zeitraum entweder ignoriert oder durch ständige Herabsetzungen gedemütigt. Die Herabsetzungen können alle Aspekte der Persönlichkeit betreffen: Aussehen, Geschlecht, Charaktereigenschaften, Herkunft, Arbeitsleistung, Hautfarbe, geschlechtliche Orientierung, usw.
Diese dritte Form der Demütigung kann bei Menschen mit geringem Selbstwertgefühl auf Dauer extrem destruktiv wirken. Die innere Unsicherheit wird immer weiter verstärkt, die Demütigungen sind so tiefgehend, dass sie sich verfestigen und nicht mehr durch die oben genannten Kompensationsmöglichkeiten aufgefangen werden können. Der innere Selbstwert lässt sich durch eigene Kraftanstrengung nur sehr schwer wiederherstellen. Es kommt zu einer Art «Demütigungs-Stau» und im äußersten Falle zum Kippen in allumfassende Hass-Gefühle.
Ein solches «Kippen in den Hass» kann bei jedem von uns — durch ständige Demütigung, aber natürlich auch durch traumatische Erlebnisse und Verlusterfahrungen — ausgelöst werden. Davor sind wir alle nicht gefeit.
 

Aber: Das Fatale daran ist, dass ein Mensch, der in diesem Sinne «gekippt» ist, keinen inneren Raum mehr für Vergebung hat.

 
Die Kompensation der Demütigung erfolgt in diesem Falle des «Gekippt-Seins» nur noch über das Zulassen und Nähren von Rache- und Hass-Gedanken und über das Teilen dieser Hass- und Abgrenzungs-Gedanken mit Gleichgesinnten.
 
Die Hoffnung und der Hunger nach Anerkennung der erlittenen Kränkung wird in diesem Stadium von einem anderen Gefühl angetrieben: Dem blanken Zorn, durchaus im Sinne der gleichnamigen Todsünde, einem Gefühl, das sich in direkter Nachbarschaft zu Rachegelüsten befindet.
 
Und das unfassbar Ungerechte ist folgendes: Derjenige Mensch, der über ein hohes Selbstwertgefühl verfügt, hat genau dadurch auch die Möglichkeit, Demütigungen zu überwinden und schneller wieder konstruktiv denken und handeln zu können.
 

Die Ausgangsbedingungen für die Ausbildung eines starken Selbstwertgefühls sind allerdings sehr ungerecht verteilt:

 
Der eine Mensch muss sehr viele Demütigungen hinnehmen und daher viel mehr Kraft aufwenden für die Erhaltung des Selbstwertgefühls als ein anderer Mensch, der in seinem Leben vielleicht nur wenige Demütigungen verarbeiten muss.
 
Diese Ungerechtigkeit wurde mir in ihrem ganzen Ausmaß vor vielen Jahren bei meiner Arbeit an einer Hauptschule in Neukölln bewusst: All die liebenswerten und starken Jugendlichen, die mich durch unsere gemeinsame Theaterarbeit bereichert und mir die Augen geöffnet haben, waren durch ihre Hautfarbe, ihre kulturellen und ethnischen Hintergründe in unserem deutschen System ständig (!) Demütigungen und Herabsetzungen ausgesetzt. Ständig mussten sie erhebliche Kraft aufwenden, um ihr Selbstwertgefühl zu erhalten. Um respektiert und für gute Leistungen anerkannt zu werden, mussten sie sehr viel mehr Auswand betreiben, als jedes deutsche, «weiße» Kind.  Als ich ungefähr 2005 damit begann, «weißen», westeuropäischen Lehrpersonen und Kulturschaffenden in meinem Umfeld diese Ungerechtigkeit vor Augen zu führen, erlebte ich von deren Seite plötzlich selbst Herabsetzungen und Demütigungen — vor allem aber ein Abstreiten dieser Tatsache.  
 
Ich wurde ständig konfrontiert mit exklusiven Geisteshaltungen: Exklusiv bedeutet ausschließend (und ist das Gegenteil von inklusiv: einschließend). Exklusivität bedeutet, dass eine Gruppe von Menschen ein System an sprachlichen Codes, Weltanschauungen, Werten und Regeln errichtet und strukturell absichert. Alle Menschen, die sich innerhalb dieser Gruppe befinden, schauen aus dieser Perspektive auf die Welt. Alle Abweichungen von ihrem Werte- und Gedanken-Konstrukt werden von ihnen als defizitär empfunden. Im Kreis der Exklusiven wird alles Abweichende mit (abwertenden) Beschriftungen versehen.
Exklusivität bedeutet, dass eine Gruppe von Menschen den Status der anderen daran bemisst, wie nah oder fern sich diese vom eigenen gesetzten Referenzsystem befinden. Je näher, desto höher der Status. Je weiter entfernt, desto tiefer. In diesem System hat der weiße, männliche, heterosexuelle, akademische Westeuropäer den höchsten Status. Alle Abweichungen davon führen automatisch zu Statusverlust, der nur durch vermehrten Leistungsaufwand und/oder spezielle Fähigkeiten kompensiert werden kann — wenn überhaupt. Hier liegt die Quelle der Demütigung.
 

Wer seinen Selbstwert und seine Chance, am Großen und Ganzen partizipieren zu können, an einer vorgegebenen Norm ausrichten muss, wird immer ein Stück weit von sich selbst entfremdet bleiben.


Zur Veranschaulichung möchte ich zwei Beispiele nennen:
 
Ein Mensch, der kaum deutsch spricht, versucht sich uns gegenüber verständlich zu machen. Und wir? Wir fühlen (unsinnigerweise!) Überlegenheit, weil wir intuitiv annehmen, wir wären kognitiv überlegen. Womöglich spricht unser Gegenüber aber fünf andere Sprachen fließend. (So erlebt mit einer arabisch-stämmigen Schülerin, die mir mit Recht sagte: «Wir erlernen schnell die deutsche Sprache, aber alle meine deutschen Lehrers können unsere Sprache in tausend Jahren noch nicht.» (Und übrigens: Was löst der falsche Plural nun — ganz ehrlich — bei dir aus?). Das ist nur ein winziges Beispiel dafür, dass es sinnvoll ist, unsere Annahmen über andere Menschen grundsätzlich zu hinterfragen. Woher kommt meine Einschätzung? Worauf beruht meine Bewertung? Erkenne ich überhaupt, dass es sich hier um eine Bewertung handelt — und nicht um eine Tatsache?
Und noch ein Beispiel: Wir kennen aus den Medien alle die Präsentation der „Vorzeige-Türk_innen“. Da wird dann beispielsweise die Leistung einer türkisch-stämmigen Studentin oder Autorin besonders hervorgehoben – mit dem darunter liegenden, nicht ausgesprochenen Subtext: Seht her — obwohl sie türkisch ist, hat sie es in Deutschland geschafft. Es stimmt also gar nicht, dass «Ausländer» bei uns diskriminiert werden. (Genau in dieser Formulierung oft gehört).
Dabei wird aber nicht gesehen, was das wirklich Besondere ist: Nämlich die Tatsache, dass sich ein Mensch mit sichtbar anderer Herkunft in Deutschland doppelt und dreifach bemühen und doppelt und dreifach Leistung zeigen muss, um in unserem System erfolgreich sein zu können. Diese Erkenntnis wird — weil schmerzhaft — oft gemieden, denn das würde eine kritische Reflexion der eigenen, exklusiven (!) Geisteshaltung bei uns selbst notwendig machen.
Im medialen Kontext des «Vorzeigens von erfolgreichen Menschen mit Zuwanderungshintergründen» halten sich aber alle «Weißen» für «völlig frei von Vorurteilen». Es herrscht eher die Haltung: «Seht ihr, wer sich in Deutschland anstrengt, kann es eben auch schaffen.» Der Subtext dahinter: Wer also keinen Erfolg in Deutschland hat, hat selber Schuld.
Hier wird die Anpassungsleistung an ein gegebenes, exklusives System gefeiert, nicht Intelligenz, nicht Kreativität und schon gar keine individuelle, besondere Leistung. Denn die tatsächliche Leistung wird gar nicht gesehen. 
Das heißt, das alle Menschen, die nicht «weiß» und deutsch aussehen, grundsätzlich mehr Leistung aufwenden müssen, um denselben Erfolg zu erreichen und grundsätzlich mehr Kraft aufwenden müssen, um ihr Selbstwertgefühl in der Balance zu halten, da sie einer größeren Häufigkeit von Demütigungen ausgesetzt sind.
So weit, so schlecht.
Demütigungen erleben in diesem Land aber nicht nur Menschen anderer Hautfarbe. Sondern zum Beispiel — seit der Maueröffnung — auch zahlreiche Menschen in Ostdeutschland. Ihre erlittenen Demütigungen sind wahrscheinlich nicht weniger schmerzhaft. Und offenbar sind mir in Dresden Menschen begegnet, die sich im letzten Drittel der Demütigungs-Skala befanden, und ob sie nun «selbst Schuld» (??) sind, oder nicht, spielt keine Rolle. Der Schaden ist angerichtet.
Und hier sind wir wieder bei den Hassspalieren in Dresden am Tag der Deutschen Einheit. Wir alle kennen Wut-Gedanken, in denen wir Menschen, die uns gedemütigt haben, im Geiste beschimpfen, auch beleidigen. Aber dies wirklich zu tun — und dann auch noch öffentlich und wahllos (in Dresden wurden alle Gäste der Feierlichkeiten beleidigt und beschimpft) —
 

markiert eine Grenze zwischen «Noch-Raum-für-Kompensation-und-Vergebung-haben» und «Keinen-Raum-für-Vergebung-mehr-haben».


Die pöbelnden Menschen in Dresden wirkten auf mich so, als wären sie nicht mehr wirklich sie selbst, nicht mehr wirklich menschlich. Das schreckliche Gefühl, keinen lebendigen Austausch mehr — und sei es ein lebendiger Streit — mit ihnen herstellen zu können, ließ  mich an dieser Stelle an Zombies denken:
 
Die zu Hass-Masken erstarrten Gesichter der Menschen, die mir am 3. Oktober in Dresden auf dem Weg in die Frauenkirche «Fotze!» und «Volksverräterin» entgegenspuckten, lösten bei mir Assoziationen an die «White Walkers» aus «Game of Thrones» aus: Das waren Untote. Zombies. Mit denen man weder sprechen noch Frieden schließen, noch sonst in irgendeiner Weise menschlichen Kontakt mehr herstellen kann.
 
Und nun komme ich zu meinem persönlichen Erschrecken an diesem Tag in Dresden. Denn wie schon gesagt, wusste ich plötzlich, dass ich diese «Zombie-Erfahrung» in diesem Jahr schon einmal gemacht hatte — und zwar genau da, wo ich es am wenigsten wahr haben wollte:
 
Nämlich beim Gesprächsforum zum Thema Rassismus im Haus der Berliner Festspiele im Rahmen des Theatertreffens der Jugend in diesem Jahr. Die in Hass gekippten Gesichter waren die einiger POC-Aktivisten (Anm.: POC — Person of color). Und auch von ihnen wurde ich übelst beschimpft, auch mit ihnen war weder ein Gespräch, noch eine Begegnung, geschweige denn Frieden mehr möglich. Beispiel eben dort: Ich werde 10–15 Minuten lang übelst beschimpft als «weiße Frau mit kolonialistischem Blick». Als ich am Ende doch noch kurz sprechen darf, frage ich: «Aber was ist denn euer Ziel?» Die Antwort lautete: «Eure weißen Institutionen sprengen!»
 
Das klingt nicht mehr nach dem Wunsch eines Miteinanders. Vor allem aber sieht es auch nicht mehr nach der Möglichkeit eines Miteinanders aus. Denn wer keinen Raum mehr für Vergebung, für menschliche Begegnung hat, kann nicht mehr kooperieren — sondern nur noch konkurrieren (Opferkonkurrenz beispielsweise zwischen «weißen» Ostdeutschen und POC? Wo führt das hin?) bzw. sich auch gleich hassen. Und wer von «Sprengen» redet und Sprechverbote erteilt, ist beim Gegeneinander, nicht beim Miteinander. Das war für mich in diesem Jahr der erste Schock.
 
Ich war über Jahre eine Kämpferin für die Political Correctness, für die Sensibilisierung und die Vermeidung diskriminierender Sprache und Alltagsrassismus. Ich habe seit meiner oben beschriebenen, schockartigen Erkenntnis 2004 in Neukölln mit sehr viel Herzblut für einen notwendigen Perspektivwechsel von uns «Weißen» gekämpft — und festgestellt: Das ist ein wirklich dickes Brett, das da gebohrt werden muss. Ich dachte, wir kämpfen an der Seite aller POC miteinander für dieselbe Sache. Naiv?
 
Heute sehe ich, dass die Grenzen nicht zwischen Weißen und POC verlaufen, sondern zwischen «Zombies» und Menschen, die noch Raum für Vergebung und menschliche Begegnung haben. Hautfarbe spielt an dieser Stelle keine Rolle. Und damit leugne ich nicht die vorhandene Ungerechtigkeit: Meine Privilegiertheit als Weiße ist mir seit vielen Jahren bewusst — das ist ja einer der Gründe, warum ich Demut empfinde und von Demut (als Mittel gegen Demütigung) spreche und versuche, täglich an meiner Haltung zu arbeiten und anderen das Schöne und Bereichernde an genau dieser Arbeit (der Begegnung) zu vermitteln.
 
Ich denke aber vom Ziel her und nicht vom vergangenen Unrecht, auch wenn ich dieses berücksichtige. Was ist das Ziel unseres Handelns?
Wenn das Ziel ein menschenwürdiges und menschliches Miteinander ist, dann brauchen wir die Menschen, die noch den inneren Raum für Vergebung und Demut in sich haben, sowohl POC als auch «Weiße». Dann helfen uns die «Zombies» unter ihnen überhaupt nicht weiter, denn die brauchen Kompenstion durch Gegendemütigung, wie die Menschen vor der Frauenkirche in Dresden. Daraus kann nichts Gutes wachsen.
 
Selbst, wenn Menschen ungerechterweise (!) über ein noch intaktes Selbstwertgefühl verfügen, dann brauchen wir sie genau deswegen!
 

Denn je mehr Demütigung produziert wird, desto weiniger Menschen wird es geben, die zur Demut fähig sind.


Irgendjemand muss anfangen, dem bestehenden Unrecht der Demütigungen ein anderes Konzept entgegenzusetzen und es zu Leben, damit wir uns nicht alle wegen unseres jeweils persönlich erlebten Leids in Konkurrenz zueinander begeben und uns gegenseitig verachten. 
 
Wenn wir vom Ziel her denken, und das Ziel ein Miteinander sein soll, dann braucht es die Fähigkeit zur Vergebung und die Erkenntnis, dass die Grenzen nicht zwischen POC und «Weißen» verlaufen, sondern zwischen «Zombies» und «Lebendigen» — unabhängig von Hautfarbe und Hintergrund. Und dass die Aufgabe darin bestehen muss, Zorn und Demütigung zu überwinden und die Zahl der «Lebendigen» zu erhöhen — und nicht die Zahl der «Untoten».
 
Wie wir das anstellen, weiß jeder selbst für sich allein. Es ist eine ganz private Entscheidung. Und leicht ist sie nicht. Aber vielleicht können wir durch den Kraftakt des Vergebens diesen Irrsinn noch aufhalten und zusammen etwas verhindern, das wir bildhaft nur aus Filmen kennen:
 

Die Zombieapokalypse.

 
Zum Schluss ein letztes Mal nach Dresden. Es gibt noch etwas, das ich noch nicht erzählt habe: Bevor ich den abgesperrten Bereich vor der Frauenkirche erreichte und dann durchs Hassspalier lief, musste ich erstmal überhaupt dort hin kommen. Mitten durch den Pegida-Mob.
In der Ferne sehe ich die langen Reihen von Polizisten vor der Frauenkirche und denke: Wenn du es bis dahin geschafft hast, bist du in Sicherheit. Ich gehe schnell und schaue zu Boden. Die Leute pöbeln und vertreten mir den Weg. Ich arbeite mich irgendwie nach vorn, in Richtung Absperrung, da wo die Polizisten stehen, da, wo ich sicher bin. Dann endlich, nach gefühlter kleiner Ewigkeit erreiche ich die Reihe der dunkelblau Uniformierten, geschafft. Ich schaue hoch. Und sehe in den Gesichtern der Polizisten — nicht Mitgefühl, nicht Hilfsbereitschaft — sondern: Schadenfreude. Einen Moment starre ich in diese jungen, grinsenden Gesichter in Uniform. Das sind nicht meine Freunde und Helfer. Wir starren uns an. Dann treten die Polizisten zur Seite und machen Platz. Ich eile an ihnen vorbei — und betrete das Hassspalier. Der Kraftakt beginnt.
 
 

Maike Plath

13. Oktober 2016 
 
Wir treffen uns an jedem letzten Donnerstag im Monat:

19 Uhr 
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Ihr seid herzlich eingeladen. 
Alle Abbildungen: Friederike Faber
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