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Informationen zum Brienzer Rutsch

12. Bulletin: Monat Oktober 2020

10. November 2020

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Neu ist das Bulletin so gestaltet, dass es auf Mobiltelefonen besser gelesen werden kann. Daraus ergeben sich ein paar Änderungen in der Gestaltung. Nach wie vor informieren wir Sie über die aktuelle Lage und die Entwicklung der Rutschung (rote Untertitel) und über Hintergrundthemen (blaue Untertitel).
Wir hoffen, dass unsere regelmässige Information zum Brienzer Rutsch Ihren Wünschen entspricht.

Wenn Sie Anregungen haben, können Sie uns hier eine E-Mail schreiben.

Rutschung Berg


Nachdem sich die Rutschung über die Sommermonate im Trend leicht verlangsamt hatte, ist seit Oktober die erwartete Trendumkehr feststellbar. Die kalte Jahreszeit mit Regen und Schnee führt zu leicht zunehmenden Geschwindigkeiten. Dies betrifft sämtliche Bereiche der Rutschung Berg. 

Die Gesteinsmassen der Szenarien West und Insel reagierten noch immer rasch auf Niederschlagsereignisse, so zuletzt auf den Regen und Schnee vom Montag, 26. Oktober. Die Geschwindigkeiten in diesen Bereichen sind seit längerem sehr hoch, erholen sich aber zurzeit leicht. 

Rutschung Dorf


Nachdem die Geschwindigkeiten bei der Rutschung Dorf im Sommer leicht rückläufig waren und im Herbst stagnierten, scheint auch in der Rutschung Dorf seit ein paar Wochen ein Trend zu einer Geschwindigkeitszunahme feststellbar. 

Aktuelle Geschwindigkeiten der Rutschung 

(Meter pro Jahr  |  Trend der letzten zwei Monate)

Plateau Front: 2.70m | zunehmend
West: 6.80 m  |  zunehmend
Insel: 7.00 m  |  konstant
Caltgeras: 2.00 m  |  zunehmend
Rutschung Dorf: 1.15 m | zunehmend

Informationen der Kommission Siedlung


Am Freitag, 16. Oktober wurden die Bewohnerinnen und Bewohner von Brienz/Brinzauls über die Arbeit der Kommission Siedlung und die Studie zu Möglichkeiten einer allfälligen Umsiedlung des Dorfes informiert. Die beiden separaten Informationsanlässe für Einheimische und Zweitheimische waren gut besucht. Nach den Präsentationen der Kommissionsmitglieder stellten die Betroffenen Fragen im Plenum und später auch in direkten Gesprächen.
Drei Tage später, am Montag, 19. Oktober wurden die Informationen in einem Livestream im Internet auch der breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Der Livestream kann hier als Videoaufzeichnung angesehen werden.
 
Zwei Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner würden am liebsten weiter in der Gemeinde Albula/Alvra wohnen, falls ihr Dorf umgesiedelt werden müsste. Dies ergab eine Umfrage der Gemeinde bei den Betroffenen des Brienzer Rutsches.

Ein Grossteil der Betroffenen gab an, sich im Falle einer Umsiedlung am liebsten in Vazerol niederzulassen. Die Kommission schränkt allerdings ein, dass zu den möglichen Siedlungsstandorten in Vazerol weitere Abklärungen notwendig seien. Vazerol gelte aktuell nur als bedingt geeignet.

Die präsentierte Studie zu einer möglichen Umsiedlung ergab, dass innerhalb der Gemeinde aber viel Bauland für eine Umsiedlung vorhanden wäre. Je nach Bedürfnissen der Betroffenen müssten bestehende Bauzonen allenfalls erweitert werden.

Mehr Informationen zur Tätigkeit der Kommission Siedlung finden Sie im Interview unten.

Sanierung der Entwässerung Maiensässe


Die Sanierung des Entwässerungssystems im Gebiet der Maiensässe steht kurz vor dem Abschluss. Im Laufe der Ausführung konnte das System so optimiert werden, dass mit weniger Kanälen derselbe Entwässerungseffekt erzeugt werden kann. Der Abschluss der Arbeiten wird noch im November erfolgen, bereits ist etwa 95 Prozent des Entwässerungssystems in Betrieb.

Kernbohrungen in der Rutschung Berg

Von den vier für das Jahr 2020 vorgesehenen Bohrungen oberhalb des Dorfes Brienz/Brinzauls können vor dem Winter voraussichtlich drei abgeschlossen werden.

Die Bohrungen 2018-2021 in der Übersicht


Grün: Bohrungen 2018/2019 im Bereich der Rutschung Dorf

Rot: Bohrungen 2020 oberhalb und in der Rutschung Berg

Gelb: Bohrung 2021 im Bereich Rutschung Berg/Igl Rutsch 
Die erste Bohrung des Sommers 2020 (9), welche sich unterhalb von Propissi aber noch im festen Grund befindet, ging wesentlich tiefer als geplant. Danach traten bei der Ausstattung des Bohrloches mit Messinstrumenten Schwierigkeiten auf, die zu einer zeitlichen Verzögerung führten.

Die zweite Bohrung (11) befindet sich bereits im rutschenden Untergrund. Sie konnte bis auf eine Tiefe von 238 Meter getrieben und mit Messinstrumenten ausgestattet werden, die seit dem 23. Oktober Daten zur Neigung des Bohrloches in der fortschreitenden Rutschung und zum Poren-Wasserdruck liefern.

Die dritte Bohrung (10) liegt ebenfalls in der Rutschung Berg auf dem sogenannten «Plateau» in der Nähe des Rückens Caltgeras. Sie wurde am 3. November begonnen und war am 9. November (Redaktionsschluss dieses Bulletins) rund 90 Metern Tiefe angelangt.

Die Bohrungen im Gebiet der Rutschung Berg dienen zur Erkundung des Untergrundes und des Zusammenwirkens zwischen der Rutschung Berg und der Rutschung Dorf. Sobald die Erkenntnisse vorliegen, wird die Gemeinde darüber informieren.

Die vierte Bohrung (12) im Gebiet «Igl Rutsch» nordöstlich des Dorfes wird im Frühling 2021 ausgeführt.

 
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Das nächste Bulletin zum Brienzer Rutsch erscheint in der ersten Hälfte Dezember 2020.

Redaktion: Christian Gartmann

Hintergrund

 

In unserem monatlichen Informationsbulletin informieren wir Sie jeweils über den aktuellen Stand unserer Erkenntnisse und Arbeiten. In einem vertiefenden Interview stellen wir Ihnen zudem ein Teilgebiet der Organisation und ihrer Tätigkeit vor.

Im Gespräch: Benno Burtscher, Präsident der Kommission Siedlung

«Unser Ziel ist es, Brienz/Brinzauls  zu erhalten.»


Die Kommission Siedlung der Gemeinde befasst sich mit der Frage, was zu tun wäre, wenn Brienz/Brinzauls einmal nicht mehr bewohnbar wäre. Präsident der Kommission ist der Anwalt Benno Burtscher. Er wünscht sich, dass die ganze Arbeit seiner Kommission gar nie gebraucht wird und Brienz/Brinzauls noch lange bewohnt ist.


Mitte Oktober haben Sie die Betroffenen Bewohner und Zweitheimischen von Brienz und die Öffentlichkeit über ihre bisherigen Abklärungen zu einer Umsiedlung orientiert. Gab es Reaktionen darauf?

Das Interesse der Betroffenen und der Bevölkerung der Gemeinde Albula/Alvra ist gross. Es sind verschiedene Fragen und Bemerkungen eingegangen, die wir bereits beantworten konnten. Ich denke, wir konnten aufzeigen, dass die Fragen rund um eine mögliche Umsiedlung sehr komplex sind.

Sie haben schon zwei Umfragen und zahlreiche Einzelgespräche mit den Betroffenen durchgeführt. Wie gehen diese mit der Situation um?

Kein Fall ist mit dem anderen vergleichbar, aber wir versuchen, auf die Ängste und Bedürfnisse aller Betroffenen einzugehen. Ich bin beeindruckt, wie ruhig und besonnen sie mit dieser schwierigen Situation umgehen.

«Auch die Zweitheimischen
haben viel Herzblut in Brienz.»

 
Unter den Betroffenen sind Einheimische und Zweitheimische. Spüren Sie Unterschiede zwischen den beiden Gruppen, wenn es um Umsiedlungsfragen geht?

Bei den Einheimischen ist die Umsiedlungsfrage existenziell. Sie würden schliesslich ihr Dach über dem Kopf verlieren. Aber auch für die Zweitheimischen ist die Situation schwierig, auch sie haben viel Geld und viel Herzblut in Brienz investiert.

In einer Umfrage hat eine grosse Zahl von Betroffenen angegeben, am liebsten nach Vazerol ziehen zu wollen. Hatten Sie das erwartet?
Das war keine Überraschung. Vazerol ist nah und es ist ähnlich schön gelegen wie Brienz/Brinzauls. Eine tolle Wohnlage, die auch für uns der bevorzugte Standort für eine Umsiedlung wäre.

Sie sagen «wäre». Vazerol ist als Umsiedlungsstandort nur bedingt geeignet. Warum?

Wir können heute noch nicht genau abschätzen, wie gross die direkte Gefähr-dung von Vazerol durch einen Bergsturz aus dem Szenario «West» ist. Auch wissen wir nicht, welche Auswirkungen ein naher Bergsturz auf Vazerol hätte, selbst wenn Vazerol direkt nicht beschädigt würde. Wir haben Vazerol als Standort aber nicht gestrichen. Es braucht einfach noch mehr Abklärungen.

Geprüfte Umsiedlungs-Standorte

Alvaschein, Vazerol, Surava, Alvaneu Bad und Alvaneu Dorf

Grün: Geeignet
Gelb: Mit Vorbehalt geeignet
Rot: Nicht geeignet
Man müsste meinen, die Umsiedlung eines Dorfes sollte ein übergeordnetes Interesse darstellen. Kann man in so einem Fall nicht einfach Land einzonen, welches ausserhalb der Gefahrenzone liegt?

Ob für eine allfällige Umsiedlung Land neu eingezont werden darf, ist ebenfalls Gegenstand unserer Abklärungen. Bisher gehen wir davon aus, dass die Grundätze der Raumplanung auch dafür gelten. Das ist eine Knacknuss.

Eine Umsiedlung würde für die Betroffenen sehr teuer. Die Gebäudeversicherung würde nur die Häuser ersetzen, nicht aber das Bauland, das nach einer Umsiedlung vermutlich nicht mehr viel Wert hätte. Wie sollen sie das finanziell stemmen?

Diese Frage ist für viele der Betroffenen existenziell. Wir suchen in Zusammenarbeit mit dem Kanton und dem Bund nach Lösungen. Zur Schliessung von Finanzierungslücken könnte zum Beispiel ein Umsiedlungsfonds geschaffen werden, der Betroffene unterstützt. 

Würde die Gemeinde da finanziell aktiv?

Die Gemeinde hat wohl keinen finanziellen Handlungsspielraum, um selber den Erwerb von Bauland zu finanzieren.

Auch die Gemeinde selber müsste mit hohen Kosten rechnen, wenn sie neue Bauparzellen mit Strassen und Leitungen erschliessen müsste. Würde sie durch den Kanton und den Bund unterstützt?

Die Planung und Umsetzung des Siedlungsprojektes kann vom Bund und Kan-ton mit maximal 90 Prozent subventioniert werden. Auch in diesem Punkt sind Fragen offen, die wir im Rahmen unserer Arbeit beantworten wollen. Aktuell arbeiten wir am Gesuch an Bund und Kanton für deren Beiträge.

«Die kantonalen Stellen haben
immer ein offenes Ohr für uns.»

 
Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Kanton. Wo hilft er Ihnen?

Der Kanton bringt sich sehr aktiv ein und unterstützt unsere Arbeit. In unserer Kommission arbeiten die Amtsleiter für Raumentwicklung (Richard Atzmüller), Landwirtschaft und Geoinformation (Daniel Buschauer) und der Direktor der Gebäudeversicherung Graubünden (Markus Feltscher) mit. Zudem tauschen wir uns sehr eng mit dem Amt für Wald und Naturgefahren aus, welches auch den Kontakt zum Bundesamt für Umwelt sicherstellt. Die Zusammenarbeit ist sehr erfreulich; die kantonalen Stellen haben immer ein offenes Ohr für uns und unterstützen uns mit ihrem Wissen, ihrer Erfahrung und ihrem Netzwerk.

Und beim Bund? Sind Brienz und die Brienzer dort überhaupt ein The-ma?

Auf jeden Fall! Der Brienzer Rutsch und unsere Abklärungen für eine allfällige Umsiedlung sind schweizweit einmalig. Der Kontakt zum Bundesamt für Umwelt ist sehr gut. 

Richt- und Zonenpläne, Einzonungen, Zweitwohnungsgesetz, Finanzierungsfragen... Das klingt alles enorm kompliziert und langwierig. Ist es denn überhaupt realistisch, Brienz im Bedarfsfall umzusiedeln oder werden sich die Bewohner am Ende in alle Winde zerstreuen und dort wohnen, wo es heute schon Platz gibt?

Ich möchte noch einmal betonen, dass wir eine Umsiedlung gar nicht wollen. Sie wäre nur der «Plan B», falls die technische Sanierung der Rutschung mit dem Entwässerungsstollen nicht die erhofften Resultate bringt und die Rutschung das Dorf weiter beschädigen sollte.

Falls eine Umsiedlung aber nötig würde, wäre sie natürlich ein langfristiges und kein kurzfristiges Projekt. Ob und wie rasch die Betroffenen an einen neuen Standort ziehen könnten, hängt dann von sehr vielen Faktoren ab. Die Gemeinde ist aber sehr interessiert daran, dass alle Betroffenen, die in so einem Fall in der Gemeinde bleiben wollen, das auch tun können.

«Die Aufgabe ist kompliziert,
aber auch sehr wichtig.»

 
Frustriert es Sie, dass alles so kompliziert ist?

Nein, überhaupt nicht - im Gegenteil. Die mögliche Umsiedlung eines ganzen Dorfes ist eine sehr komplexe Aufgabe – das wusste ich schon, bevor ich diese Aufgabe übernommen habe. Neben den rechtlichen und finanziellen Fragen sind es auch menschliche Aspekte, die uns beschäftigen. Unsere Aufgabe ist kompliziert, aber auch sehr wichtig.

Erstmals seit dem Frühling gab es auch wieder zwei kleinere Versammlungen im Schulhaus. Warum?

Wir wollen wissen, was die betroffenen Einheimischen und Zweitheimischen beschäftigt und was sie brauchen. Bei den Bevölkerungsinformationen im kleineren Rahmen konnten sie uns Fragen stellen und sich auch direkt mit uns unterhalten. Sie haben das sehr geschätzt und wir haben wichtige Rückmeldungen von ihnen bekommen.

In den Versammlungen wurde ein Bericht zur Studie «Umsiedlung» vorgestellt. Warum wurde er noch nicht veröffentlicht?

Die Informationsveranstaltungen haben uns noch einmal wichtige Rückmeldungen gebracht, die in unsere Arbeit einfliessen. Sobald wir sie im Bericht verarbeitet haben, kann er veröffentlicht werden.

Ihr Kommission heisst «Siedlung». Müsste sie nicht «Umsiedlung» heissen?

Wie bereits erwähnt, ist die Umsiedlung nicht unser Ziel. Ziel ist es, die Siedlung zu erhalten. Für den Fall, dass eine Umsiedlung unumgänglich werden sollte, muss die Gemeinde aber vorbereitet sein. Aber am liebsten wäre mir natürlich, dass wir all unsere Arbeit gar nie brauchen und Brienz/Brinzauls noch sehr lange bewohnt wird.

Benno Burtscher

 

...wohnte bis 2018 in Valbella und war 1992 bis 2000 Gemeindepräsident von Vaz/Obervaz. Heute lebt und arbeitet der Rechtsanwalt in Chur. An seiner Aufgabe als Präsident der Kommission Siedlung reizt ihn, dass sie neben einem breiten Spektrum von rechtlichen Fragen auch menschliche Aspekte und den direkten Kontakt mit den Betroffenen mit sich bringt.
 
In seiner Freizeit trifft man Benno Burtscher (59) und seine Frau oft in Narglesa oberhalb von Stierva an, wo sie ein Maiensäss besitzen. Von dort aus geht er auch zur Jagd.
Herausgeber: Gemeindeführungsstab Albula/Alvra
Redaktion: Christian Gartmann
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